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Bildungsrat Chemie zum Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR)
Der Bildungsrat Chemie, das sozialpartnerschaftliche Gremium von Bundesarbeitgeberverband Chemie e.V. (BAVC) und Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), hat sich in seiner Sitzung am 4. November 2011 in Wiesbaden mit der Entwicklung des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR) und insbesondere mit dem Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) hinsichtlich der Zuordnung der Hochschulreife im Vergleich zur dualen Berufsausbildung ausgiebig befasst und folgende Stellungnahme beschlossen:
Der Bildungsrat Chemie bewertet den Beschluss der KMK, die allgemeine Hochschulreife und die fachgebundene Hochschulreife auf Niveau 5 des DQR zuzuordnen, als kontraproduktiv und nicht akzeptabel.
Der Zuordnungsvorschlag der KMK ist weder inhaltlich unterlegt noch nachvollziehbar begründet. Das Abitur entspricht nicht den Kriterien, wie sie in der Matrix des DQR auf Niveau 5 beschrieben sind. Abiturient(inn)en weisen mit ihrem Schulabschluss nicht die Handlungskompetenzen im Sinne des Niveaus 5 des Deutschen oder des Europäischen Qualifikationsrahmens auf (so besitzen sie beispielsweise nicht die Fähigkeiten und Kenntnisse zur Führung von Teams). Das Ansinnen der Kultusminister reflektiert auch nicht die damit verbundenen Konsequenzen für das deutsche Qualifikations- und Beschäftigungssystem. Ihr Beschluss wird sich, sollte er so bestehen bleiben, äußerst negativ auf die Nachwuchssicherung sämtlicher Wirtschaftsbereiche und -sektoren auswirken. Es ist zu befürchten, dass die duale Berufsausbildung einen Attraktivitätsverlust erleiden wird. Es besteht die Gefahr, dass sich immer weniger junge Menschen mit allgemeiner Hochschulreife für eine berufliche Ausbildung entscheiden, wenn ihnen suggeriert wird, dass ihr Schulabschluss höherwertiger ist als ein Berufsabschluss. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des jetzt schon bestehenden Fachkräftemangels würde dies zu weiteren Fehlentwicklungen führen. Der Wirtschaftsstandort Deutschland ist auch in Zukunft auf gute beruflich qualifizierte Fachkräfte angewiesen.
Im Einklang deutscher und europäischer Bildungspolitik sollen Mobilität und Transparenz gefördert, die Durchlässigkeit zwischen verschiedenen Bildungsbereichen erhöht und die Gleichwertigkeit zwischen allgemeiner, hochschulischer und beruflicher Bildung verwirklicht werden. Hierauf zielt der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR) ab. Im Erarbeitungsprozess zum DQR gab es einen breiten Konsens zwischen Bundesregierung, Kultusministerkonferenz, Hochschulrektorenkonferenz, Wirtschaftsministerkonferenz, Sozialpartnern, Wirtschaftsorganisationen und anderen wichtigen Akteuren des deutschen Bildungs- und Qualifizierungssystems. Die Matrix des DQR wird von all diesen Beteiligten als geeignete Grundlage für die weitere Erarbeitung akzeptiert.
Im Rahmen der Zuordnung von Qualifikationen haben sich Bundesregierung, Wirtschaftsministerkonferenz, Sozialpartner und Wirtschaftsorganisationen auf Grundlage der Beschreibung in der Matrix des DQR fachlich begründet positioniert: Qualifikationen der Allgemeinbildung und der beruflichen Erstausbildung sollen den Niveaus 1 bis 4, die der beruflichen Weiterbildung und akademischen Bildung den Niveaus 5 bis 8 zugeordnet werden. Diese Zuordnung steht im Einklang mit europäischen Entwicklungen.
Gerade die chemische Industrie mit ihren rund 550.000 Beschäftigten ist besonders von der demografischen Entwicklung und dem drohenden Fachkräftemangel betroffen. Die Sozialpartner der chemischen Industrie, BAVC und IG BCE, haben darauf mit den verschiedensten tarifpolitischen Instrumenten reagiert. Mit dem Tarifvertrag „Lebensarbeitszeit und Demografie“ haben die Chemie-Sozialpartner im April 2008 als eine der ersten Branchen in Deutschland einen Tarifvertrag abgeschlossen, der die Auswirkungen und Herausforderungen des demografischen Wandels aufgreift und den Unternehmen passgenaue Instrumente an die Hand gibt.
Mit dem Tarifvertrag „Zukunft durch Ausbildung“ wird bis 2013 die Beibehaltung der Ausbildungsaktivitäten der Chemie-Branche auf hohem Niveau festgeschrieben. Jährlich wird ein Ausbildungsplatzangebot von 9.000 Ausbildungsplätzen unterbreitet. Das Erreichen dieser hohen Zielzahl ist erheblich davon abhängig, dass die duale Berufsausbildung gesellschaftlich ihre hohe Anerkennung behält. Der KMK-Beschluss kann hingegen zu einer Abwertung der dualen Berufsausbildung in der öffentlichen Wahrnehmung führen.
Der Bildungsrat Chemie fordert, dass alle Qualifikationen entsprechend der Niveaubeschreibungen und unabhängig von Zugangsberechtigungen dem DQR zugeordnet werden. Unternehmen, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Lehrende und Lernende werden eine Höherbewertung von allgemeiner Hochschulreife und fachgebundener Hochschulreife im DQR-Niveau 5 nicht akzeptieren. Der Bildungsrat Chemie fordert die Kultusminister der Länder auf, die bisher erreichten Übereinstimmungen hinsichtlich der Zuordnungen im DQR, insbesondere mit Blick auf den Übergang vom Bildungs- ins Beschäftigungssystem, nicht zur Disposition zu stellen. Die Bundesländer und die Ministerpräsidenten werden eindringlich darum gebeten, die Entscheidung der Kultusminister im Lichte ihrer wirtschafts- und bildungspolitischen Gesamtverantwortung zu überdenken und zu korrigieren. Es muss das gemeinsame Interesse aller Verantwortlichen sein, mit dem DQR ein in sich stimmiges Zuordnungssystem zu finden, das sowohl der Weiterentwicklung des gesamten Bildungssystems als auch der Orientierung aller Unternehmen, Lernenden und Arbeitnehmer/-innen dient.
Der Bildungsrat Chemie unterstützt nachdrücklich die Position der Bundesregierung und der Wirtschaftsministerkonferenz, wonach das Abitur dem Niveau 4 im DQR zugeordnet werden soll, und bittet beide, diese Position konsequent weiter zu vertreten. Er erwartet von den Ländern, dass der bisher beschrittene Weg der konsensualen Abstimmung aller Akteure im weiteren Erarbeitungsprozess des DQR wieder beachtet wird.
Wiesbaden, den 4. November 2011
Paritätischer Bildungsrat der Chemie-Sozialpartner (BAVC und IG BCE)

