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ChemieNord / IG-BCE-Landesbezirk Nord

Bürokratie verhindert wirtschaftliche Fortentwicklung des Pharma-Mittelstandes im Norden

Dr. Jochen Wilkens (ChemieNord), Dr. Oliver Scheel (A. T. Kearney), Wolf-Michael Catenhusen (Normenkontrollrat) und Ralf Becker (IG BCE) diskutierten über Möglichkeiten zum Bürokratieabbau im Gesundheitssystem.

Die im Pharmabereich von Unternehmen einzuhaltenden Auflagen, Richtlinien und Verordnungen haben ein Ausmaß erreicht, das massiv ihre weitere wirtschaftliche Entwicklung beeinträchtigt. Das ergab eine aktuelle Umfrage unter mittelständischen Pharmaunternehmen in Norddeutschland.

 

Danach sehen sich 100 Prozent der befragten Unternehmen durch die anfallenden Bürokratiekosten in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung gehemmt. Für ein Drittel der Unternehmen haben sich die Kosten für die Abarbeitung bürokratischer Auflagen in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Ein Drittel sieht sich mit einer Verdreifachung dieser Kosten konfrontiert und ein weiteres Drittel muss eine Erhöhung um bis zu 100 Prozent in ihre Kalkulationen einplanen. Gleichzeitig gehen alle befragten Unternehmen davon aus, dass die von ihnen zu tragenden Bürokratiekosten zukünftig noch weiter steigen werden.

 

Vor dem Hintergrund dieser bedrohlichen Entwicklung schlagen der Arbeitgeberverband ChemieNord und der Landesverband Nord der IG BCE Alarm. Gemeinsam fordern sie die Bundesregierung auf, ihre laufenden Bemühungen beim Bürokratieabbau schleunigst und konzentriert auf das Gesundheitssystem auszuweiten. Ansonsten drohten gefährliche Qualitätsverluste bei Arzneimitteln, vergleichbare Versorgungsengpässe wie gegenwärtig bei Grippeimpfstoffen und letztlich der Verlust von Arbeitsplätzen.

 

„Der seit 2006 von der Bundesregierung eingesetzte Nationale Normenkontrollrat ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg, allgemein Bürokratie abzubauen. Im Pharmabereich ist bisher aber viel zu wenig passiert. Gerade für unsere mittelständischen Unternehmen in Norddeutschland wird das zunehmend undurchschaubare komplexe Geflecht an gesetzlichen Auflagen zu einer existentiellen Bedrohung“, sagt Dr. Jochen Wilkens, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes ChemieNord. Und Ralf Becker, Landesbezirksleiter der IG BCE, fordert: „Um im Gesundheitssystem mehr Transparenz herzustellen und Bürokratie abbauen zu können, müssen die zuständigen politischen Akteure endlich den Dialog mit dem Mittelstand suchen. Die derzeitige Vielzahl an bürokratischen Auflagen behindert Innovationen zunehmend und gefährdet damit die Wettbewerbsfähigkeit der Branche.“

 

In einer gemeinsamen Veranstaltung mit dem Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie, Landesverband Nord, haben die Chemie-Sozialpartner deshalb kürzlich Möglichkeiten des Bürokratieabbaus und der besseren Rechtsetzung im Gesundheitssystem unter anderem mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Nationalen Normenkontrollrats, Wolf-Michael Catenhusen, diskutiert. Dabei zeigten Vertreter norddeutscher Pharmaunternehmen auf, welchen Bürokratieaufwand beispielsweise pharmazeutische Rabattverträge und die Therapieallergene-Verordnung verursachen. Es müsse dringend ein Masterplan unter der Federführung der Bundesregierung erarbeitet werden, um die komplexen Probleme im Gesundheitssystem überhaupt noch lösen zu können, so das Fazit der Veranstaltung.

 

In Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen haben derzeit 36 mittelständische Pharmaunternehmen ihren Sitz. Sie beschäftigen über 7.000 Mitarbeiter und erzielen einen Umsatz von gut zwei Milliarden Euro.