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ChemieNord / IG-BCE-Landesbezirk Nord

Runder Tisch für Arbeitsmarktfragen: Mit der Ausbildung von Schutzsuchenden dem Fachkräftemangel entgegenwirken

Continental hat deutschlandweit 50 zusätzliche Stellen zur Einstiegsqualifizierung für Flüchtlinge geschaffen - Foto: © Continental AG
Continental hat deutschlandweit 50 zusätzliche Stellen zur Einstiegsqualifizierung für Flüchtlinge geschaffen - Foto: © Continental AG

In der norddeutschen Chemieindustrie haben in diesem Jahr 931 junge Leute eine Ausbildung begonnen. Das sind zwei mehr als im Vorjahr, stellten Vertreter des Arbeitgeberverbandes ChemieNord und des IG BCE Landesbezirks Nord beim „Runden Tisch für Arbeitsmarktfragen“ fest, der Mitte November 2016 in Laatzen stattfand. Mit 996 Ausbildungsplätzen hatten die Unternehmen deutlich mehr angeboten als 2015, allerdings blieben 65 unbesetzt. Um Angebot und Bewerbungen genauer aufeinander abzustimmen, haben die Sozialpartner für das kommende Jahr eine paritätisch besetzte Steuerungsgruppe eingerichtet.

 

Inwieweit Flüchtlinge die sinkende Nachfrage nach Ausbildungsplätzen im Facharbeiterbereich ausgleichen können, erproben bereits einige Chemieunternehmen in Norddeutschland. Zwei erfolgreiche Beispiele wurden beim Runden Tisch vorgestellt: 

 

Der Schleifmittelhersteller VSM aus Hannover spricht als Teil des Unternehmensnetzwerkes ZUKUNFTINC. über das Projekt „Fit für die Ausbildung“ alternative Bewerberkreise an, darunter dieses Jahr erstmals auch Flüchtlinge. Der Prozess läuft wie folgt ab: Die erste Kontaktaufnahme geschieht in Kooperation mit dem Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft direkt über die Flüchtlingskoordinatoren vor Ort. Interessierte Kandidaten werden in ein Assessment Center eingeladen, um ihre Kompetenzen und Motivation abzufragen. In einer Art „Speed Dating“ lernen sich Bewerber und Ausbildungsbetriebe kennen. Es folgen ein von der Region Hannover geförderter dreimonatiger Deutschkurs und ein dreimonatiges Praktikum. Erfüllen die Bewerber danach alle nötigen Voraussetzungen, wartet ein realer Ausbildungsplatz auf sie. „Reichen die Sprachkenntnisse dann noch nicht aus, bieten wir geeigneten Flüchtlingen eine Weiterqualifizierung an. Das heißt: Zwei Tage pro Woche Deutschkurs und drei Tage Mitarbeit im Unternehmen“, erklärte Fritz Kelle, HR-Director bei VSM. Das Unternehmen stellte dieses Jahr zwei Flüchtlinge als Auszubildende und zwei im Rahmen einer Weiterqualifizierung ein. 

 

Einen deutschlandweiten Ansatz zur Integration von Flüchtlingen fährt der Automobilzulieferer Continental. „Wir haben deutschlandweit 50 zusätzliche Plätze zur Einstiegsqualifizierung für Flüchtlinge eingerichtet“, berichtete Robert Heymann, Personalentwickler von Continental Reifen Deutschland in Hannover. „Inzwischen sind 35 Flüchtlinge entweder in der sechs- bis zwölfmonatigen Einstiegsqualifizierung oder direkt in der Ausbildung angekommen, sechs von ihnen in Hannover.“ Um geeignete Kandidaten zu finden, setzt das Unternehmen ein Testverfahren ein, das Sprachkenntnisse, technisches Verständnis und grundlegende Wertvorstellungen abfragt. Besonderheit: Der Test ist auch in der Heimatsprache verfügbar wie etwa Arabisch. Voraussetzung für eine Einstellung ist die Anerkennung als Asylbewerber. Einfach ist dieser Prozess allerdings nicht. „In einigen Regionen mussten wir lange auf geeignete Bewerberprofile warten. Es gab auch seitens der Bundesagentur für Arbeit oft keine Übersicht darüber, welche Qualifikationen die Flüchtlinge mitbringen. Außerdem kennen die meisten das deutsche System der dualen Ausbildung nicht und müssen erst einmal verstehen, dass eine Ausbildung ein nachhaltiger Weg ist, um sich eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Auch wenn das unter Umständen bedeutet, in den ersten ein oder zwei Jahren weniger zu verdienen als es mit Aushilfsjobs möglich wäre“, erklärte Heymann.