Institutionen
Ansicht   
Baden-Württemberg 2018

Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft: Chemie-Sozialpartner diskutieren gute Beispiele

Foto: ChemieBW
Foto: ChemieBW
Foto: ChemieBW
Foto: ChemieBW
Foto: ChemieBW
Foto: ChemieBW

Frank Heßler, stellvertretender Landesbezirksvorsitzender der IG BCE Baden-Württemberg, begrüßte gemeinsam mit Prof. Dr. Golla, Geschäftsführer Chemie-Verbände Baden-Württemberg, die mehr als dreißig Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Sie waren für zwei Tage zur baden-württembergischen Regionalveranstaltung der „Sozialpartner-Werkstatt Innovation und Nachhaltigkeit“ (So.WIN)  in den Süden des Landes gekommen. Golla und Heßler hoben die Bedeutung der Gemeinschaftsveranstaltung von Chemie-Arbeitgebern und Gewerkschaft hervor. In intensiven Diskussionen konnten die notwendigen Voraussetzungen für eine funktionierende zirkuläre Wirtschaft aus verschiedenen Blickrichtungen in der nötigen Tiefe und Intensität behandelt und reflektiert werden: Immer inklusive bei So.WIN in Baden-Württemberg ist der Blick in die Praxis der Unternehmen. Bei der Veranstaltung „Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz“ haben Unternehmensvertreter und Betriebsräte die Praxis am Beispiel der Sto SE in Stühlingen erkundet.

 

Aus zahlreichen Unternehmen waren sie teilweise auch als „Tandem“ nach Titisee-Neustadt gekommen. Sie alle – ob Betriebsräte beispielsweise im Umweltarbeitskreis des Unternehmens oder als Umwelt-Verantwortliche – kamen mit der Idee in die Veranstaltung, neue Impulse aus den Vorträgen mitzunehmen und in den Diskussionen den Austausch über nachhaltiges Wirtschaften zu pflegen und hieraus voneinander zu lernen. 

 

 

Chemie hoch drei – Stand der Dinge

 

Xaver Schmidt ist bei der IG BCE Leiter der Abteilung „Vorsitzender“ in Hannover und dort unter anderem zuständig für die Nachhaltigkeitsinitiative „Chemie hoch drei“. Er sieht durch diesen gemeinsamen Ansatz von Gewerkschaft, Arbeitgeber- und Wirtschaftsverband beim Thema Nachhaltigkeit die chemische Industrie vorne dran – die „anderen Branchen müssen bezüglich eines solch kooperativen Ansatzes noch liefern“. Für ihn hat Nachhaltigkeit immer auch mit Globalisierung, Industrie 4.0 oder Umwelt- und Klimaschutz zu tun. Er spannte den Bogen über diese Megatrends zu den Stakeholdern – die Kunden, egal ob Industrie oder Verbraucher, spielen genauso eine Rolle und haben Einfluss wie die Mitarbeiter, die Politik, Kapitalgeber oder auch NGOs. Schmidt verwies nachdrücklich darauf, dass Nachhaltigkeit immer drei Seiten haben muss – es „gibt einen gleichberechtigten Zusammenhang und einen Dreiklang“: wirtschaftliche Aspekte und Soziales muss immer auch mitgedacht werden, wenn von Nachhaltigkeit die Rede ist: nicht nur die Ökologie dürfe berücksichtigt werden.

 

In der Politik und der Politikberatung sei dieser Dreiklang noch nicht wirklich angekommen: „Das geht so nicht!“ Auch die Energiewende könne nicht eindimensional gedacht und geschafft werden. Die Dimensionen müssen synchronisiert werden – Umweltaspekte, Technik, Wirtschaft – aber natürlich auch das Soziale. 

 

Für die Aktualität von Nachhaltigkeitsbemühungen sorgen internationale Organisationen, Abkommen und ganz besonders die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Hier sind Ziele wie „Kein Hunger“ genauso aufgeführt wie „bezahlbare und saubere Energie“ oder „sauberes Wasser“. 

 

„Chemie hoch drei“ als Initiative von VCI, Chemie-Arbeitgebern und der Chemie-Gewerkschaft setzt genau hier an. Aber: die Initiative muss noch stärker bekannt gemacht werden und gelebt werden. Das ist in den Betrieben oft schon Alltag – aber es wird zu wenig darüber gesprochen. Für Schmidt ist die Initiative ein wichtiger Baustein in der Sicherung des Chemie-Industriestandortes Deutschland – und der guten Arbeitsplätze in der Branche.

 

 

Viele Vorgaben aus Brüssel

 

Wohin geht die Reise bei der „Kreislaufwirtschaft“? Prof. Dr. Golla, beim VCI in Frankfurt zuständig für Abfall- und Kreislaufwirtschaftsrecht, stellte die Vorstellungen, Planungen und ganz konkreten Vorschriften zur EU-Kreislaufwirtschaft vor. Ziel der „circular economy“ in Brüssel ist der Übergang von der linearen Wirtschaft mit Produkten und Abfällen hin zu einem Kreislauf, der immer weniger Abfallstoffe produziert: alles soll irgendwie verwertet werden. Aber Golla wies darauf hin, dass es unbedingt nötig sei, nicht nur über Abfälle zu sprechen – sondern Stoffkreisläufe mehrdimensional zu betrachten. Die Konzentration auf Abfälle führt zu einer ausschließlichen Betrachtung von Kreislaufwirtschaft auf das klassische mechanische Recycling. Allerdings sehen im Grundsatz die europäischen Ideen bereits vor, Themen wie ganzheitliche Produktpolitik, Verbraucherpolitik, Klimaschutz oder Bioökonomie mit in die Kreislaufwirtschaft hineinzunehmen. Das führt, so Golla, im Moment bereits zu Zielkonflikten, wenn diese Bereiche vermischt werden. Dies passiert aktuell in vielen Bereichen in den Gesetzespaketen und Absichtserklärungen, die in Brüssel erarbeitet werden: vom Abfallpaket über das Chemikalienrecht, das Produktrecht bis hin zum Thema Klimaschutz. Vielfältige Sachverhalte werden jetzt bereits und sollen laut EU-Gesetzgeber in Zukunft noch stärker im Abfallrecht geregelt werden. Für Unternehmen heißt das, zahlreiche Produkte werden durch die nachsorgende Gesetzgebung verändert – ohne Blick auf die verschiedenen Dimensionen, wie sie „Chemie hoch drei“ vorsieht. 

 

Im Endeffekt sind pauschale Betrachtungen nicht sinnvoll und praktisch auch fast unmöglich umsetzbar, so Golla. Er will Kreislaufwirtschaft mehrdimensional verstanden wissen – es müssen gesamte Produktzyklen betrachtet werden und gerade beim Thema Abfall alle Verwertungswege mitgedacht werden. Golla appellierte an den gesunden Menschenverstand: „Was ist denn besser – wenn moderne Verbundwerkstoffe Autos immer leichter machen, diese aber damit komplizierter recycelt werden können – oder wenn auf diese Werkstoffe verzichtet wird und Autos dann mehr Benzin verbrauchen oder die Reichweite von Elektroautos verkürzt ist?“ Der gezielte Einsatz von modernen Werkstoffen und von sinnvollen Chemikalien helfe oft bei Produkten, den Zweck besser zu erreichen. Aber es müsse dann auch möglich sein, manche Produkte am Ende ihrer Nutzungszeit chemisch oder energetisch zu verwerten. Basis für den nachhaltigsten Weg sollte stets eine Betrachtung des gesamten Lebenszyklus der einzelnen Produkte sein.

 

 

Gemeinsam mehr erreichen

 

LANXESS ist ein „junges“ Unternehmen, gemessen am Alter des Bayer-Konzernes, aus dem der Spezialchemie-Hersteller entstanden ist. Dort wird sehr intensiv miteinander – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – gearbeitet, um Themen wie Ressourceneffizienz im Unternehmen zu verankern. Dr. Rüdiger Herpich, Direktor HSEQ und Anton Böhm, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, stellten gemeinsam im Tandem-Vortrag Strukturen, Abläufe und konkrete Beispiele dazu vor. 

 

Böhm ging auf die Basis ein: Sie besteht aus vielen Bausteinen. Einige seien beispielhaft genannt: „SOS“-Begehungen – bei Lanxess in Mannheim sind das Vor-Ort-Termine, die wöchentlich stattfinden und Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit überprüfen und auch in einem Punktesystem prämieren. Wichtig ist dabei: alle Mitarbeiter haben elektronische, persönliche oder ganz einfach per Stift und Papier Möglichkeiten, ihre Ideen in das System des Sicherheitsmanagements einzubringen. 

 

Das Sicherheitsprogramm Xact ist für die Mitarbeiter Ansporn, selbst Verantwortung zu übernehmen. Jeder Mitarbeiter ist hier angehalten, etwas zu tun – und profitiert davon: Die Unfallzahlen sind deutlich rückläufig.

 

Der Betriebsrat ist vielfach auch in Gremien engagiert – unter anderem im Ausschuss Arbeitssicherheit, Gesundheit und Umwelt. 

 

 

In Mannheim …

 

Dr. Rüdiger Herpich zeigte konkret, wie gemeinsame Ideen und Lösungen zur Ressourceneffizienz gefunden und umgesetzt wurden. Darauf ist das Unternehmen auch angewiesen – „draußen“ wird es häufig an CSR-Indices gemessen. Dabei spielt auch der internationale Focus eine große Rolle.

 

LANXESS in Mannheim kann zahlreiche erfolgreiche Beispiele zeigen, mit denen die Ressourceneffizienz in chemischen Fertigungsprozessen erheblich gesteigert werden konnte. Dazu gehört beispielsweise eine Phenol-Rückgewinnung, die im Wesentlichen auf einer Kreislaufführung eines Rohstoffs basiert: 150 Tonnen Phenol können so jedes Jahr eingespart werden. Das lohnt sich finanziell und für die Umwelt in vielerlei Hinsicht. Gleiches gilt für die Transportsicherheit und den Arbeitsschutz.

 

Ein weiteres Beispiel ist die Wärmerückgewinnung in der thermischen Abluftreinigung. Dort wird Abluft mit Erdgas bei hohen Temperaturen zur restlosen Schadstoff- und Geruchsbeseitigung verbrannt. Schon früh wurde hieraus dann Prozess-Dampf erzeugt. Zusätzlich können im Rahmen der Genehmigung flüssige Alkoholrückstände des Standorts mitverbrannt werden. Nachgeschaltete Wärmetauscher haben weitere Energieeinsparungen erbracht.

 

Aber auch beim Umgang mit den Rohstoffen ist LANXESS effizienter geworden: Geeignete leere Behältnisse von Rohstoffen werden bewertet, gegebenenfalls gereinigt und wiederverwertet oder sachgerecht entsorgt. 

 

Die Teilnehmer waren interessiert an den Praxiserfahrungen – wie sieht es gerade bei den Vor-Ort-Terminen aus: Wie lange dauert das, wie viele Leute sind dabei – und wie wird es praktisch umgesetzt? Es wird auf jeden Fall mehr gemacht, als gesetzlich vorgeschrieben – Umweltaspekte in der Produktion gehören genauso dazu wie Energieeffizienz- oder Arbeitssicherheitsthemen.

 

 

…und im Land?

 

Ressourcen sind endlich – aber die Endlichkeit sicher zu kalkulieren, ist beinahe unmöglich, stellte Dr. Christian Kühne, stellvertretender Referatsleiter Umwelttechnik, Forschung und Ökologie im Umweltministerium Baden-Württemberg, in seinem Beitrag fest. Er zeigte beispielhaft auf, wie sich der Bedarf an Metallen unterschiedlich entwickelt hat. Gerade die für die Energiewende notwendigen Metalle sind sehr selten: Neodym als Teil der „seltenen Erden“ wird in „utopischen Mengen“ für Generatoren benötigt, Kupfer für die Elektromobilität. In der Praxis sind die benötigten Rohstoffe derzeit nicht in der benötigten Menge zu beschaffen. Auch das Recycling ist nicht überall die Lösung – oft ist es mit mehr CO2-Ausstoß verbunden. 

 

„Darüber denke ich nach“, vereinfachte Kühne seine Aufgaben im Ministerium. Er war und ist dafür verantwortlich, unterschiedliche Akteure an einen Tisch zu bekommen, um Ideen zu entwickeln, die das Land Baden-Württemberg umsetzen kann. Ein Ergebnis war die „Landesstrategie Ressourceneffizienz“. Ein wichtiger Punkt dabei ist, das Wachstum vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln – aber den hohen Anteil des produzierenden Gewerbes dabei beizubehalten.

 

Eine Facette der Strategie ist der Thinktank „Industrielle Ressourcenstrategien“, der im Februar 2018 gegründet wurde. Er analysiert Trends und zeigt mögliche Konsequenzen auf. Damit werden Politik und Wirtschaft von wissenschaftlichem Sachverstand unabhängig und ergebnisoffen beraten und können so bessere Entscheidungen treffen. Kühne lud die Unternehmen ein, sich am Thinktank zu beteiligen. Einige Unternehmen der Chemie wie auch der VCI sind hier bereits engagiert. 

 

 

Wie nachhaltig ist Chemie 4.0?

 

Gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen Deloitte hat der Verband der Chemischen Industrie untersucht, wie die Chemie mit der Digitalisierung umgehen kann und wie sich diese auch auf die Rohstoffkreisläufe auswirkt. Tilman Benzing, Referent für Rohstoffpolitik beim VCI in Frankfurt, erläuterte, welche Aspekte von „Industrie 4.0“ als Chemie 4.0 auch auf den Mittelstand in der chemischen und pharmazeutischen Industrie Einfluss haben. Die Unternehmen erwarten selbst, dass sie von der Digitalisierung Vorteile haben werden – und dass diese wiederum Vorteile für die Nachhaltigkeit bringt. 

 

Was ist zirkuläre Wirtschaft? Sie beginnt mit der ressourceneffizienten und klimaschonenden Herstellung von Produkten. Hinzu kommen die Rücknahme, das Recycling bzw. auch die Rückgewinnung von Energie – nicht zuletzt die Reinigung und dann die Beseitigung der Reststoffe. 

 

Die Studie des VCI macht den Zusammenhang zwischen Digitalisierung und zirkulärer Wirtschaft deutlich. Wer die Digitalisierung nutzt, hat Vorteile in der zirkulären Wirtschaft, sei es im Informationsaustausch, sei es in der Produktionsoptimierung. Und wer Vorreiter im zirkulären Wirtschaften ist, kann weitere Nachhaltigkeitspotentiale mithilfe von Chemie 4.0 heben.

 

 

Herausforderungen für Sto

 

„Bewusst bauen“ – der Anspruch des Baustoff-Herstellers aus Stühlingen-Weizen in Südbaden zeigt: Der große Mittelständler entwickelt seine Produkte immer mit dem Gedanken an die Nachhaltigkeit. Dr. Eike Messow, Leiter Nachhaltigkeit bei der Sto SE, erläuterte anhand von Wärmedämmsystemen die Zielkonflikte zwischen effektivem Nutzen der Anwendung und der Herstellung von einfach zu recycelnden Produkten: So könnten mit effektiver Wärmedämmung etwa 7 Prozent des gesamten Erdölverbrauches in Deutschland eingespart werden – und dafür müssten nur 0,1 Prozent der Erdölmenge in Dämmstoffen eingesetzt werden. Messow trat dafür ein, dass auch eine gezielte energetische Verwertung von Altprodukten oder Resten im Sinne der Kreislaufwirtschaft als nachhaltig gewertet wird, wenn dies ökobilanziell Sinn macht. Die Teilnehmer zeigten sich beeindruckt, wie intensiv Sto mit Innovationen an einer immer besseren Nutzung von Dämmsystemen, Fassadenfarben oder Putzen arbeitet. 

 

Diese Eindrücke konnten sie noch in einer ausführlichen Betriebsführung vertiefen. Die Bedeutung des Themas Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft sowie die gute Zusammenarbeit zwischen Mitarbeitergremium und der Geschäftsleitung hoben Jan Nissen, Technik-Vorstand der Sto SE und die stellvertretende Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Sto SE, Barbara Meister, hervor, als sie die So.WIN-Teilnehmer im Hörsaal ihres Unternehmens begrüßten.