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Arbeitsschutz

Die Prävention arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren in der chemischen Industrie

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Gemeinsames Positionspapier der Berufsgenossenschaft der chemischen Industrie, des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie e. V. und der IG Bergbau, Chemie, Energie zur Umsetzung des Arbeitsschutzgesetzes und des erweiterten Präventionsauftrags des SGB VII.

Ein aktiv betriebener Arbeitsschutz reduziert Arbeitsunfälle, Berufskrankheiten sowie arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren und verbessert durch den Abbau von Fehlzeiten und die Vermeidung von Betriebsstörungen die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Zugleich unterstützt eine gesundheitsgerechte Gestaltung der Arbeitsbedingungen die Motivation der Mitarbeiter und verbessert die Qualitätsstandards der Betriebe.

 

In den Unternehmen der chemischen Industrie hat der Schutz der Mitarbeiter vor betrieblichen Gefährdungen ihrer Sicherheit und Gesundheit schon immer eine vorrangige Bedeutung. Durch das neue Arbeitsschutzgesetz und das Unfallversicherungsrecht des SGB VII hat der Gesetzgeber jetzt den Gedanken der Prävention besonders hervorgehoben.

 

Die Sozialpartner der chemischen Industrie und die BG Chemie begrüßen den Ansatz des Arbeitsschutzgesetzes, das die Eigenverantwortung und -initiative der Betriebe betont und betriebsbezogene Lösungen voraussetzt. Nicht in einer ständig wachsenden Regelungsdichte, sondern in einer konsequenten und praxisnahen Prävention sehen sie die Gewähr für eine kostengünstige und effektive Lösung betrieblicher Arbeitsschutzfragen.

 

Mit diesem Positionspapier soll ein Prozess initiiert werden, die gewachsenen Strukturen im Bereich der sicherheitsfachlichen und betriebsärztlichen Betreuung, der Berufsgenossenschaft, der gesetzlichen Krankenkassen und der Interessenvertretungen zu verknüpfen. Zwar kann die Prävention arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren zunächst zu einer Kostenbelastung für die Unternehmen führen. Der Abbau von Fehlzeiten und die Vermeidung von Betriebsstörungen bedeuten aber regelmäßig eine Kostenentlastung. Die Verbindung des vorhandenen Wissens aller an der Prävention Beteiligten kann darüber hinaus bei der Umsetzung des neuen Präventionsauftrags Synergieeffekte hervorbringen, mit denen das Niveau des Arbeitsschutzes in der chemischen Industrie weiter verbessert und Kostenentlastungen realisiert werden können.

 

Dieses Positionspapier steht in der Reihe bewährter Sozialpartnervereinbarungen zwischen den Sozialpartnern der chemischen Industrie mit ihrer Berufsgenossenschaft. Mit ihm sollen Ansätze und Wege für die Umsetzung der neuen rechtlichen Regelungen im Arbeitsschutz aufgezeigt werden. Die Reichweite der gesetzlichen Bestimmungen bleibt davon unberührt.


1. Mitarbeiter und ihre Interessenvertretung beteiligen

Zum erfolgreichen Arbeitsschutz gehören die Information und Einbindung aller Unternehmensangehörigen. Nur wenn die Beschäftigten die Prävention arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren als eigenes Anliegen erkennen und danach handeln, wird das Ziel des stetigen Rückgangs von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten sowie von arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren erreicht werden können.

 

Das Arbeitsschutzgesetz bringt auch Pflichten für die Beschäftigten. Sie haben - gemeinsam mit der Fachkraft für Arbeitssicherheit und dem Betriebsarzt - den Arbeitgeber bei der Gewährleistung von Sicherheit und Gesundheitsschutz zu unterstützen.

 

Bei der betrieblichen Prävention sind die Beteiligungsrechte der Betriebsräte nach dem BetrVG zu beachten. Die aktive Einbindung der Betriebsräte mit ihren Erfahrungen und Kenntnissen um betriebliche Zusammenhänge kann die betriebliche Prävention weiter voranbringen.


2. Information und Schulung sicherstellen

Die für die Praxis erforderliche betriebliche Information und geeignete Schulung sind eine wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Präventionsarbeit im Betrieb. Die BG Chemie unterstützt die Unternehmen durch geeignete Informationsmaterialien. Darüber hinaus bietet sie Schulungsmaßnahmen für die erforderliche Aus- und Fortbildung der mit Sicherheit und Gesundheitsschutz befassten Personen in den Unternehmen an. Die BG Chemie greift dabei auch in hohem Maße auf betriebliches Expertenwissen zurück. Damit erfüllt die BG Chemie einen wesentlichen Teil ihres Präventionsauftrags situationsgerecht und angemessen und unterstützt insbesondere die kleinen und mittleren Unternehmen, ihren Präventionsaufgaben eigenständig nachzukommen.


3. Gefährdungsbeurteilung nutzen

Alle Unternehmer sind nach dem Arbeitsschutzgesetz verpflichtet, im Rahmen von Gefährdungsbeurteilungen systematisch Arbeitsbedingungen zu untersuchen, Gefährdungen zu beurteilen, die erforderlichen Arbeitsschutzmaßnahmen festzulegen, ihre Wirksamkeit zu überprüfen und eine Verbesserung anzustreben. Der Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren einschließlich der menschengerechten Gestaltung der Arbeit kommt dabei ein hoher Stellenwert zu.

 

Bei der Beurteilung der Arbeitsbedingungen nach dem Arbeitsschutzgesetz unterstützt die BG Chemie gemeinsam mit den Sozialpartnern die Unternehmen, indem sie konkrete Empfehlungen zur Durchführung der Gefährdungsbeurteilung veröffentlicht und aktuelle Prüflisten zum Erkennen von Gefährdungen und Belastungen zur Verfügung stellt. Insbesondere die kleinen und mittleren Unternehmen können darüber hinaus bei der Ermittlung von Gefährdungen sowie deren Beurteilung und Dokumentation auf die praktische Hilfe der BG Chemie zurückgreifen.


4. Was sind ,,arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren?"

Der Begriff ,,arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren" ist gesetzlich nicht definiert. Die folgende Beschreibung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren gibt den aktuellen Erkenntnisstand der Sozialpartner der chemischen Industrie und ihrer Berufsgenossenschaft wieder und wurde mit Betriebsärzten der chemischen Industrie beraten. Sie soll im laufenden Erfahrungsprozess überprüft und ggf. weiterentwickelt werden.

 

Arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren sind Einflüsse, die - allgemein oder im Einzelfall - im nachvollziehbaren Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz oder der Tätigkeit über das allgemeine Lebensrisiko hinaus die Gesundheit beeinträchtigen können.*)

 

Insbesondere handelt es sich um Arbeitseinflüsse, die Gesundheitsbeeinträchtigungen und Erkrankungen verursachen oder mit verursachen bzw. eine außerberuflich erworbene Erkrankung oder eine gesundheitliche Disposition in ihrem Verlauf ungünstig beeinflussen können. Das schließt auch das Zusammenwirken unterschiedlicher Arbeitseinflüsse mit ein. Sie reichen von physikalischen und stofflichen Gefährdungen bis hin zu physischen und psychischen Belastungen. Auch die systematische Auswertung von Mitarbeiterbefragungen kann Hinweise auf betriebliche Belastungen geben.

 

*) Ein nachvollziehbarer Zusammenhang kann sich z. B. aus arbeitswissenschaftlichen und arbeitsmedizinischen Erkenntnissen, Gesundheitsberichten, Krankheitsartenstatistiken sowie aufgrund von Erkenntnissen der Berufsgenossenschaften, der gesetzlichen Krankenkassen ergeben.


5. Erfahrungen der Gesundheitsförderung und betriebliche Gremien nutzen

Das Zusammenwirken aller Beteiligten von z. B. Arbeitssicherheit, Arbeitsmedizin, Krankenkassen, Führungskräften, Betriebsräten, Berufsgenossenschaft im Sinne eines betrieblichen Netzwerkes kann bei der Prävention arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren zu Synergien führen. Dabei sollte bei der Prävention arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren nicht nur auf den Arbeitsschutzausschuss, sondern auch auf die in Zusammenhang mit der betrieblichen Gesundheitsförderung entstandenen Gremien - soweit vorhanden - zurückgegriffen werden.

 

Eine Reihe von Unternehmen der chemischen Industrie verfügt seit Jahren über praktische Erfahrungen mit Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und zur Fehlzeitensenkung. Dabei werden in dem Arbeitsschutzausschuss und z. B. in Gesundheitsarbeitskreisen die Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung und der Fehlzeitensenkung beraten. Zur Beteiligung von Beschäftigten wurden positive Erfahrungen mit Sicherheits- und Gesundheitszirkeln gesammelt.

 

Für die Analyse des Krankheitsgeschehens sieht der Gesetzgeber auch eine Zusammenarbeit der Träger der Unfallversicherung und der Träger der gesetzlichen Krankenkassen vor. Aus gemeinsam mit den Betrieben erarbeiteten Analysen können sich für die betriebliche Gefährdungsbeurteilung wertvolle Hinweise auf Gefährdungsschwerpunkte ergeben.


6. Begleitung der betrieblichen Prävention durch die BG Chemie

Die BG Chemie hat sich schon frühzeitig auf den erweiterten Präventionsauftrag eingestellt und ihre Fachkompetenz in der Prävention erweitert: In enger Absprache mit den Sozialpartnern hat sie Fachreferate - z.B. Anlagensicherheit, Arbeitsmedizin und Psychologie - eingerichtet, auf die die Technischen Aufsichtsbeamten bei der Beratung der Betriebe zurückgreifen können.

 

Die Berufsgenossenschaft der chemischen Industrie, der Bundesarbeitgeberverband Chemie und die IG Chemie-Papier-Keramik stimmen darin überein, dass generelle Maßnahmen zur Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren nur dann in Unfallverhütungsvorschriften regelbar sind, wenn es sich um konkret zu beschreibende und / oder auch mess- und bestimmbare Einwirkungen und Maßnahmen handelt. Für schwer objektiv zu definierende Faktoren - wie Mehrfachbelastungen und psychomentale Belastungen (z. B. Über- und Unterforderung) - erhalten die Unternehmen Hilfe von der BG Chemie etwa durch Informationsmaterialien, Schulungsmaßnahmen und Beratung.

 

Die Lösung psychosozialer Fragestellungen im Betrieb z. B. in Zusammenhang mit der betrieblichen Führung und dem Betriebsklima ist vorrangig als eine Aufgabenstellung einzustufen, die der Unternehmer zusammen mit den Führungskräften, dem Betriebsrat, den betrieblichen und ggf. externen Experten bewältigen muss. Die Berufsgenossenschaft der chemischen Industrie kann dabei eine unterstützende Beratung leisten.

 

Die BG Chemie informiert unter Berücksichtigung der Erfahrungen der gesetzlichen Krankenkassen die Betriebe auch über Möglichkeiten und Chancen der Verhaltensprävention. Die Durchführung solcher Maßnahmen, die bisher von gesetzlichen Krankenkassen angeboten und finanziell unterstützt wurden, liegt in der Entscheidung der Unternehmen und gehört nicht zu den Aufgaben der BG Chemie.


7. Chemiespezifischer Erfahrungsaustausch

Der Bundesarbeitgeberverband Chemie und die IG Chemie-Papier-Keramik werden unter Beteiligung der BG Chemie und in Absprache mit interessierten Unternehmen die Möglichkeit eines überbetrieblichen Erfahrungsaustausches zur Prävention arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren in der chemischen Industrie fördern. Dabei sollen auch die Möglichkeiten der Zusammenarbeit von Betrieben für eine effektive und kostengünstige Umsetzung des Präventionsauftrags geprüft werden.


Wiesbaden/Hannover, den 7. Juli 1997