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Berufsbildung

Maßnahmenbündel zur Sicherung und Schaffung von Ausbildungsplätzen

Semen Barkovskiy - Fotolia.com

Empfehlungen der Tarifvertragsparteien BAVC und IG BCE in Verbindung mit dem Chemietarifpaket vom 8. Mai 2003


Zielsetzungen

Sich für die Ausbildung junger Menschen zu engagieren, ist eine lohnende Investition in die eigene Wettbewerbsfähigkeit und Ausdruck sozialer Verantwortung. Bei allen Anstrengungen muss stets aber auch die Balance zu den wirtschaftlichen Möglichkeiten und zur Beschäftigungsentwicklung der Unternehmen gefunden werden.

 

In der chemischen Industrie bestehen attraktive Ausbildungsmöglichkeiten in einer Reihe von zukunftssicheren Berufen im Produktions- und Laborbereich, bei technischen und kaufmännischen Berufen.

 

Beide Sozialpartner begrüßen die besonderen Ausbildungsanstrengungen der Branche. Mit ihrer langfristigen Ausbildungsplatzinitiative wurde ein hohes Ausbildungsplatzniveau erreicht. Angesichts der demografischen Herausforderung der kommenden Jahre wollen die Chemie-Sozialpartner mit einem Bündel an kurz- und mittelfristigen Maßnahmen und Instrumenten dazu beitragen, dass die Chemieunternehmen ihre erfolgreichen Ausbildungsanstrengungen fortsetzen und weiterentwickeln. In den westlichen Bundesländern (ohne Berlin) wird die Zahl der Absolventen allgemein bildender Schulen laut Prognose der Kultusministerkonferenz (KMK) in den kommenden Jahren kontinuierlich ansteigen. Der prognostizierte Zuwachs der Absolventenzahlen beträgt jeweils gegenüber dem Vorjahr 1,7 % für 2004, 1,5 % für 2005, 1,6 % für 2006 und 1,9 für 2007; ab 2008 werden die Absolventenzahlen wieder sinken.

 

Die Wirkung von unterstützenden Maßnahmen zur Sicherung und Schaffung von Ausbildungsplätzen kann sich erst im Hinblick auf das Ausbildungsjahr 2004 und darüber hinaus voll entfalten. Angesichts der gegenwärtig angespannten Lage auf dem Ausbildungsstellenmarkt appellieren die Chemie-Sozialpartner an die Unternehmen in der chemischen Industrie, bereits für das Ausbildungsjahr 2003 so viele Ausbildungsplätze wie möglich bereitzustellen.

 

Mit dem Bündel an kurz- und mittelfristigen Maßnahmen werden gleichzeitig zwei Hauptziele verfolgt. Zum einen sollen diejenigen Betriebe, die sich bereits in der Berufsausbildung engagieren, unterstützt und ermuntert werden, in ihren Ausbildungsanstrengungen nicht nachzulassen und diese – wo immer möglich – auszuweiten. Zum anderen sollen vor allem auch Betriebe, die bisher nicht bzw. nur in geringem Maße ausbilden, zur erstmaligen oder vermehrten Ausbildung von jungen Menschen bewegt werden, um so die Basis der Ausbildungsbetriebe zu verbreitern.

 

Ausbildungsstellenmärkte sind regionale Märkte, deren Besonderheiten vor Ort am besten berücksichtigt werden können. Deshalb kommt den regionalen „Runden Tischen" der Chemie-Sozialpartner für die erfolgreiche Umsetzung des Maßnahmenbündels eine besondere Bedeutung zu. Auf Bundesebene werden die Sozialpartner in der chemischen Industrie übergeordnete bildungspolitische Themen erörtern und sich für den Vorrang branchenspezifischer Lösungen einsetzen.

 


I. Instrumente und Maßnahmen zur Sicherung und Schaffung von Ausbildungsplätzen in gemeinsamer Verantwortung der Chemie-Sozialpartner


Grundsatz bestätigen: „Ausbildung geht vor Übernahme"
Die Tarifvertragsparteien bekräftigen erneut den Grundsatz, dass Ausbildung vor Übernahme geht und werden sich für seine Einhaltung einsetzen.

 

Informationsangebot „Ausbildung in der Chemie"
Auf regionaler Ebene können die Chemie-Sozialpartner – ggf. in Kooperation mit Beratern der Industrie- und Handelskammern, Vertretern der Berufsschulen sowie mit Betriebspraktikern aus Ausbildungsbetrieben – gemeinsame Informationsveranstaltungen für Nicht-Ausbildungsbetriebe organisieren. Hier können interessierte Betriebe, die erstmalig ausbilden möchten, umfassend über die rechtlichen und organisatorischen Hintergründe sowie über Kosten und Nutzen der Ausbildung informiert werden.

 

Zusätzliche Potenziale praxisorientierter Chemieberufe erschließen
Die Chemie-Sozialpartner werden die Initiative ergreifen zur schnellstmöglichen Schaffung stärker praxisorientierter Berufsbilder für die chemische Industrie (insbesondere im Produktionsbereich, z. B. Chemie, Pharma, Kunststoff) mit dem Ziel, auch stärker praxisorientierte junge Menschen in eine reguläre Ausbildung zu integrieren.

 

Fortsetzung des Förderprogramms „Start in den Beruf"
„Start in den Beruf" ist eine gemeinsame Initiative des BAVC und der IG BCE. Mit dieser Sozialpartner-Initiative sollen Schulabgänger, denen die Voraussetzungen für die Aufnahme einer Ausbildung fehlen, durch ein Förderprogramm zur Ausbildung qualifiziert oder in das Berufsleben eingegliedert werden. Durchgeführt werden die Fördermaßnahmen in Unternehmen der chemischen Industrie.

 

Angesichts der zunehmenden Problematik von Jugendlichen, denen zunächst noch die Ausbildungsreife fehlt, werden die Chemie-Sozialpartner das Förderprogramm „Start in den Beruf" auch in Zukunft fortführen. Sie begrüßen auch weitere Programme und Projekte, gegebenenfalls unter Nutzung öffentlicher Förderung, die zur Stärkung dieser Zielgruppe beitragen.

 

Wettbewerb der Chemie-Sozialpartner „Vorbildliches Ausbildungsengagement"
Die Chemie-Sozialpartner können einen Wettbewerb ausschreiben, um ein besonderes Ausbildungsengagement von Unternehmen in der chemischen Industrie zu würdigen (Urkunden, ggf. Prämien). Bei der öffentlichkeitswirksamen Ausgestaltung des Wettbewerbs kann auf das Know-how von in Marketingfragen besonders erfahrenen Mitgliedsunternehmen zurückgegriffen werden.

 

Bildungsinitiative Chemie
Über die Bildungsinitiative Chemie wollen BAVC, IG BCE, VCI und GDCh in einer gemeinsamen Initiative den naturwissenschaftlichen Unterricht an den allgemein bildenden Schulen stärken, um mehr Jugendliche für Naturwissenschaften und für einen Beruf in der chemischen Industrie zu begeistern. Die bildungspolitische Einflussnahme zur Förderung des naturwissenschaftlichen Unterrichts soll durch die Chemie-Sozialpartner auch in Zukunft weiterverfolgt werden.

 


II. Instrumente und Maßnahmen zur Sicherung und Schaffung von Ausbildungsplätzen in Verantwortung der Chemie-Arbeitgeber


„Tour für Ausbildung"
Die Chemie-Arbeitgeberverbände sprechen gezielt die Unternehmensleitungen derjenigen Betriebe an, die bisher keine Ausbildung praktizieren und werben für neue Ausbildungsplätze.

 

Betreuungsprogramm „Der erste Ausbildungsplatz"
Die Chemie-Arbeitgeberverbände können gemeinsam mit den Beratern der Industrie- und Handelskammern diejenigen Betriebe bei rechtlichen und organisatorischen Fragen individuell und umfassend unterstützen, die erstmalig einen Ausbildungsplatz einrichten.

 

Urkunde „Wir bilden aus!"
Die Chemie-Arbeitgeberverbände können allen Ausbildungsbetrieben als Anerkennung ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung eine Urkunde „Wir bilden aus!" — ggf. pressewirksam — überreichen.

 

Ausbildungspatenschaften
Im Rahmen von Ausbildungspatenschaften können erfahrene Ausbildungsbetriebe Betriebe, die erstmals ausbilden bzw. zusätzliche Ausbildungsplätze in neuen Berufsbildern einrichten, begleiten und beraten. Die Chemie-Arbeitgeberverbände versuchen, entsprechende Patenschaftsbetriebe zu gewinnen und die gewünschten Kontakte herzustellen.

 

Ausbildungsverbünde
Nicht alle Betriebe können die in den Ausbildungsordnungen geforderten Ausbildungsinhalte vollständig selbst vermitteln. Sei es, dass sie zu klein oder zu spezialisiert sind, oder dass ihnen fachliche oder organisatorische Voraussetzungen fehlen. Die Chemie-Arbeitgeberverbände können in diesen Fällen durch die Initiierung, Förderung oder Unterstützung von Ausbildungsverbänden zur Schaffung zusätzlicher Ausbildungsplätze tätig werden.

 

Die geeignete Organisationsform hängt von den Strukturen und Bedürfnissen der jeweils beteiligten Betriebe ab. Ausbildungsverbünde können dabei in unterschiedlicher Ausprägung organisiert werden, z. B. in der Form der reinen Auftragsausbildung, als Ausbildungs-Konsortium, in der Form eines Leitbetriebes mit Partnerbetrieben oder als Ausbildungsverein.

 

Zur Förderung der Verbundausbildung gewähren die meisten Bundesländer Zuschüsse zu den Kosten eines Ausbildungsverhältnisses.

 

Förderung der Mobilität der potenziellen Auszubildenden
Regionale Wirtschafts- und Beschäftigungsstrukturen besitzen ein hohes Gewicht für die Entwicklung des Angebotes auf dem Ausbildungsmarkt. Insbesondere in den Ballungsräumen Westdeutschlands bleiben Ausbildungsplätze vermehrt unbesetzt, weil nicht genügend geeignete Bewerber aus der Region vorhanden sind.

 

Durch öffentliche Förderung und durch Hilfestellungen der Unternehmen können diejenigen jungen Menschen unterstützt werden, die bereit sind, auch einen weiter entfernt gelegenen Ausbildungsplatz anzutreten.

 

Unternehmen können beispielsweise bei der Suche nach günstigen Wohnmöglichkeiten (z. B. Wohngemeinschaften, Vermittlung von Wohnheimplätzen) behilflich sein. Das Arbeitsamt zahlt unter bestimmten Voraussetzungen Berufsausbildungsbeihilfe (BAB), um eine betriebliche oder außerbetriebliche Ausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf zu ermöglichen.

 

Werbekampagne „Chemie4you"
Die Chemie-Arbeitgeberverbände werden die Werbekampagne zu den Ausbildungsmöglichkeiten in der chemischen Industrie „Chemie4you" auf Regional- und Bundesebene fortsetzen. Die Jugendlichen sollen so gezielt über das Berufsspektrum in der chemischen Industrie informiert werden, da viele sich bei ihrem Berufswunsch häufig auf nur sehr wenige Berufe konzentrieren und die Ausbildungsmöglichkeiten in der chemischen Industrie nicht kennen. Über die bundesweite Ausbildungsdatenbank im Internet unter www.chemie4you.de erhalten interessierte Bewerber den direkten Zugang zu ausbildenden Chemie-Unternehmen. Den Unternehmen wird dadurch ein zusätzlicher Kommunikationskanal im Rahmen ihres Ausbildungsmarketing zur Gewinnung geeigneter Auszubildender eröffnet.

 


Lahnstein, 8. Mai 2003