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Gruppenarbeit

Gruppenarbeit in der chemischen Industrie

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Gemeinsame Hinweise des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie und der IG Chemie-Papier-Keramik

Der Bundesarbeitgeberverband Chemie und die IG Chemie-Papier-Keramik gehen übereinstimmend davon aus, dass teilautonome bzw. selbststeuernde Arbeitsgruppen einerseits die Produktivität, Innovationsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen verbessern und andererseits als Chance zur Mitgestaltung und Humanisierung der Arbeitsumwelt für die Mitarbeiter begriffen werden sollten.

 

In dem Bemühen, den Mitarbeitern und den Unternehmen der chemischen Industrie durch konstruktive Unterstützung seitens der Sozialpartner die Einführung arbeitsgruppenbezogener Arbeitsorganisationen zu erleichtern, in der Erwartung eines anhaltenden, mit kurzen Produktzyklen verbundenen globalen Konkurrenzdruckes, der hohe Ansprüche an die Reaktionsfähigkeit der Unternehmen und an die Qualifikation der Mitarbeiter stellt, in der festen Überzeugung, dass Gruppenarbeit die notwendige Einbindung des arbeitsplatzbezogenen Fachwissens und der persönlichen Interessen der Mitarbeiter in die betrieblichen Prozesse verbessert, aus der Erfahrung, dass die Verbindung von unternehmerischen und arbeitnehmerseitigen Interessen langfristig zu wirtschaftlichem und persönlichem Erfolg beiträgt und die Selbstverantwortung und Selbstbestimmung der Mitarbeiter erhöht, sowie in der Erkenntnis unterschiedlicher Ausgangssituationen der Unternehmen hinsichtlich deren Produkte und Produktionsverfahren und in dem Wissen, dass in der chemischen Industrie nicht überall und in der gleichen Form Gruppenarbeit Anwendung finden kann und jedes Unternehmen seinen Weg beschreiten muss, erzielten die Sozialpartner folgende Übereinstimmung:


1. Erfahrung mit Gruppenarbeit

In der prozessorientierten Fertigung der chemischen Industrie ist die Integration von unterschiedlichen Tätigkeiten seit vielen Jahren ein kontinuierlicher Trend, wie die praktizierten Formen der Teamarbeit und Problemlösegruppen zeigen.

 

Dieser schrittweise Einführungsprozess der Gruppenarbeit ermöglicht allen Beteiligten ein gemeinsames Erproben und Erlernen von neuen Formen der Gestaltung des Arbeitsprozesses. Dabei muss immer wieder geprüft werden, ob Gruppenarbeit zur Bearbeitung eines konkreten Arbeitsauftrages oder einer bestimmten Aufgabe im Betrieb bereits wirklich die sinnvolle Organisationsform der Arbeit einer bestimmten Abteilung oder eines Betriebsteiles ist. In diesem Prozess sind Vorschläge aller Beteiligten einschließlich des Betriebsrates erwünscht.


2. Definition der Gruppenarbeit

Gruppenarbeit in dem hier verstandenen Sinne liegt nur bei den teilautonomen oder selbststeuernden Arbeitsgruppen vor, weil allein bei diesen die betriebliche Arbeitsorganisation dauerhaft geändert wird und die Aufgabenbereiche der Vorgesetzten und Mitarbeiter grundsätzlich angepasst bzw. erweitert werden.

 

Im Rahmen einer arbeitsgruppenbezogenen Organisationsform wird die Arbeitszerlegung relativiert und Aufgaben und Kompetenzen des Vorgesetzten wie auch Tätigkeiten aus den indirekten Bereichen werden in die Gruppe integriert, soweit Produkte, Verfahren, die gesetzlichen Bestimmungen und betrieblichen Gegebenheiten dies zulassen. Die Übertragung von bisher vor- oder nachgelagerten Tätigkeiten oder Vorgesetztenkompetenzen im Sinne einer ganzheitlichen Arbeitsaufgabe führt zur Bildung einer Gruppenautonomie.

 

Der Autonomiegrad der Gruppe unterscheidet sich entsprechend der verschiedenen Produktionsverfahren und der übertragenen Kompetenzen bzw. Arbeitsaufgaben. Grundsätzlich nimmt der Grad der Selbstbestimmung und Eigenverantwortung der Gruppenmitglieder bei Gruppenarbeit zu.

 

Die Sozialpartner gehen deshalb von folgender Definition der Gruppenarbeit aus:
Gruppenarbeit liegt vor, wenn mehrere Mitarbeiter gemeinsam eine weitgehend in sich abgeschlossene Aufgabe erfüllen, selbständig die Ausführung der Aufgaben steuern und das Ergebnis im Rahmen von Vorgaben selbst kontrollieren.


3. Gleichgerichtete Interessen von Mitarbeitern und Unternehmen

Die Gruppenarbeit dient dem Unternehmen, um eine marktgerechte innovative, kunden- und qualitätsorientierte, flexible, produktive und kostensparende Arbeitsorganisation und Unternehmensstruktur zu erhalten.

 

Für die Gruppe und ihre Mitglieder werden Handlungs- und Entscheidungsspielräume eröffnet und die Arbeits- und Entscheidungsprozesse transparenter.

 

Gruppenarbeit setzt qualifizierte, selbständig und eigenverantwortlich tätige sowie interessierte Mitarbeiter voraus, die aufgrund ihrer Ideen und ihres Fachwissens den eigenen Arbeitsplatz, die Arbeitsumwelt und die gesamte Arbeitsorganisation mitgestalten und im Sinne einer kontinuierlichen Verbesserung beeinflussen, um so zu einer lernenden Organisation zu werden.

 

Gruppenarbeit verlangt in der Regel eine Anpassung der Qualifikation der Mitarbeiter und fördert zugleich ihre beruflichen Entwicklungschancen. Durch beteiligungsorientierte Gruppenarbeit wird eine Brücke geschlagen zwischen der Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und den Zielen der Humanisierung der Arbeitswelt.


4. Veränderte Aufgaben der Vorgesetzten

Die Übertragung von Kompetenzen und Aufgaben bei der Gruppenarbeit führt zu einer Verkürzung der betrieblichen Abstimmungswege und einer Verringerung der Schnittstellen. Die Reduzierung von Hierarchieebenen und des Koordinierungsaufwandes kann eine Änderung der Aufgaben der Vorgesetzten zur Folge haben. Diese werden zu Bindegliedern zwischen Arbeitsgruppen und Betriebsleitung und betreuen die Gruppen. Insbesondere der Meister kann bei Gruppenarbeit ein verändertes Aufgabenspektrum erhalten.


5. Gruppenzusammensetzung und Gruppengröße

Bei der Gruppenzusammensetzung sollten unterschiedliche fachliche Qualifikationen und Funktionen der Mitarbeiter einschließlich besonders schutzbedürftiger Mitarbeiter berücksichtigt werden.

 

Die jeweiligen Arbeitsbereiche der Arbeitsgruppen bestimmen die Gruppengröße, so dass sich die Gruppengröße an der gemeinschaftlichen Arbeitsaufgabe orientieren sollte.

 

Bei der Bestimmung von Größe, Zusammensetzung und Aufgabenverteilung der Gruppe kann es sich auch als sinnvoll erweisen, gewisse Aufgaben weiterhin in Einzelarbeit erledigen zu lassen.


6. Gruppensprecher

Die Arbeitsgruppe kann einen Gruppensprecher zur Vertretung nach außen und zur Koordinierung der Meinungsbildung innerhalb der Gruppe wählen. Der Gruppensprecher soll kein Vorgesetzter sein, sondern Erster unter Gleichen. Einzelheiten wie Wahlverfahren und Funktionsbeschreibung können betrieblich geregelt werden.


7. Gruppengespräche

Der Austausch von Kritik und die Meinungsbildung in der Gruppe finden in der Regel in Gruppengesprächen statt. Die Gruppengespräche sollten den jeweiligen Auftrags- bzw. Produktionsstand berücksichtigen und den betrieblichen Bedürfnissen Rechnung tragen. Die Inhalte der Gruppengespräche werden vom Ziel der Gruppenarbeit bestimmt und ergeben sich aus dem Aufgabenbereich der Gruppe.


8. Qualifizierungsmaßnahmen

Mitarbeiter und Vorgesetzte sollen bei Gruppenarbeit ausreichend in Fach-, Methoden- und Sozialkompetenz fortgebildet werden. Dies geschieht im Interesse des Unternehmens und des einzelnen Mitarbeiters.


9. Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat

Moderne Arbeitsformen wie Gruppenarbeit gehen von sozialverantwortlicher, betrieblicher Partnerschaft im Rahmen der gesetzlichen Regelungen aus. Nicht Gegeneinander, sondern Miteinander ist das die Gruppenarbeit beherrschende Leitthema.


Wiesbaden/Hannover, den 8. Juli 1996