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Standortsicherung und Beschäftigungsförderung

Telearbeit - Moderne Arbeitsformen im Informationszeitalter

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Gemeinsame Empfehlungen des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie
und der IG Bergbau, Chemie, Energie


Moderne Arbeitsformen im Informationszeitalter

Die Bedeutung und die Nutzung von Informationstechnologien nimmt im Informationszeitalter ständig zu. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Unternehmen und Gewerkschaften müssen der Vielfalt moderner technischer Herausforderungen gerecht werden. Die Arbeit mit neuen Informationstechnologien wird zunehmend Bestandteil der beruflichen Tätigkeiten werden. Sie ist eine Schlüsselqualifikation, um in der Arbeitswelt wettbewerbsfähig zu sein. Sie eröffnet moderne Möglichkeiten abhängiger und selbstständiger Arbeit und führt zu neuen Arbeitsformen, deren optimale Nutzung im beiderseitigen Interesse der Sozialpartner liegt.

 

Mit diesen gemeinsamen Empfehlungen wollen die Sozialpartner einen aktiven Beitrag für Innovations-, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung leisten.

 

Die Nutzung neuer Informationstechnologien, insbesondere in Form der Telearbeit, kann im Interesse des Arbeitgebers als auch des Arbeitnehmers liegen. Sie kann der Steigerung der Produktivität dienen, indem die Zufriedenheit mit der Arbeit und die Motivation zur Arbeit gestärkt wird. Die Nähe zum Kunden kann intensiviert und schnellere Reaktionsmöglichkeiten eröffnet werden. Damit stellt sie einen wesentlichen Wettbewerbsfaktor dar. Telearbeit kann auch für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eine Reihe von Chancen bieten. Das betrifft eine größere Flexibilität und Zeitsouveränität, einen individuellen Arbeitsstil sowie die Verbesserung von Qualifikation und beruflicher Weiterbildung.


Telearbeit als moderne Arbeitsform im Informationszeitalter

Telearbeit stellt eine besondere Form der Nutzung moderner Informationstechnologien dar. Unter dem Begriff der Telearbeit ist jede auf Informations- und Kommunikationstechnologien gestützte Tätigkeit einschließlich der Übertragung der Ergebnisse dieser Tätigkeit zu verstehen, die alternierend oder ausschließlich an einem räumlich außerhalb des Betriebes im herkömmlichen Sinne liegenden Ort verrichtet wird, der mit der zentralen Arbeitsstätte durch elektronische Kommunikationsmittel verbunden ist, sofern diese Tätigkeit nicht nur gelegentlich erfolgt. In technischer wie rechtlicher Hinsicht sind für diese Arbeit unterschiedliche Organisationsformen möglich.

 

Das vertrauensvolle Zusammenwirken von Management, Betriebsräten sowie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, bereits in Vorbereitung der Einführung von Telearbeit, stellt einen wesentlichen Erfolgsfaktor dar.


Rahmenbedingungen der Nutzung der Telearbeit

Telearbeit setzt die Berücksichtigung der wechselseitigen Interessenlage von Arbeitgeber wie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern voraus. Diese soll sich in der individuellen Gestaltung des Telearbeitsverhältnisses widerspiegeln.

 

Freiwilligkeit
Die Einführung der Telearbeit setzt die Bereitschaft des Arbeitgebers voraus, entsprechende Arbeits- und Organisationsformen anzubieten. Voraussetzung für den Erfolg von Telearbeit ist nicht nur die Erschließung technischer und wirtschaftlicher Potentiale, sondern auch die Berücksichtigung der sozialen Belange von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Telearbeit kann daher grundsätzlich nur auf freiwilliger Basis stattfinden.

 

Zeit- und Organisationssouveränität
Die Effektivität der Nutzung neuer Informationstechnologien ist untrennbar mit Flexibilität verbunden. Dies erfordert, den Arbeitnehmern ein Höchstmaß an Zeit- und Organisationssouveränität zuzugestehen, soweit nicht die zu erledigende Arbeitsaufgabe etwas anderes erfordert. Die Organisation von Arbeit muss in zeitlicher wie technischer Hinsicht weitgehend selbstbestimmt bleiben. Regelungen, die dem entgegenstehen, sind zu prüfen.

 

Telearbeitsplatz als betrieblicher Arbeitsplatz
Bezüglich der Arbeitsbedingungen wird der Telearbeitsplatz wie ein betrieblicher Arbeitsplatz behandelt, soweit sich aus dem Wesen der Telearbeit nichts anderes ergibt. Das schließt das Zugangsrecht für Vorgesetzte, Betriebsräte und Aufsichtsbehörden ein.

 

Berufliche Perspektiven
Telearbeiterinnen und Telearbeiter besitzen grundsätzlich die gleichen Rechte und Pflichten wie andere Arbeitnehmer. Dies betrifft insbesondere den beruflichen Aufstieg, Zugang zu Stellenausschreibungen sowie berufliche Weiterbildungsmaßnahmen. Die Sicherung der sozialen Kontakte der Telearbeiter zum Unternehmen und seinen Mitarbeitern ist hierfür eine wichtige Voraussetzung.

 

Finanzierung
Die Zurverfügungstellung des häuslichen Arbeitsplatzes obliegt naturgemäß dem Arbeitnehmer. Kosten der Einrichtung des Telearbeitsplatzes werden demgegenüber regelmäßig vom Arbeitgeber zu tragen sein. In welchem Umfange das auch in Bezug auf die Unterhaltung des häuslichen Arbeitsplatzes gilt, ist für den Einzelfall zu vereinbaren. Dabei ist zu berücksichtigen, dass durch die Telearbeit für Unternehmen und Arbeitnehmer Kostenentlastungen entstehen.


Veränderte Anforderungen an Vorgesetzte sowie Mitarbeiter

Telearbeit erfordert in einem zunehmenden Maße entsprechend ausgebildete und qualifizierte Mitarbeiter und Vorgesetzte. Vorgesetzte werden sich darauf einzustellen haben, auch ohne räumliche Nähe mit dem Mitarbeiter zusammenzuarbeiten. Jene sind in zunehmendem Maße daran gehalten, ihre Arbeit selbstständig und eigenverantwortlich zu organisieren. Damit einher geht eine Veränderung der Führungsarbeit, die künftig in einem verstärkten Maße über Zielvereinbarungen erfolgen wird.

 

Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Vorgesetzte sollen bei Einführung von Telearbeit über ausreichende Fach-, Methoden-, Sozial- und Persönlichkeitskompetenz verfügen. Neben fachlichen Qualifikationen gewinnen persönliche Kompetenzen wie Selbstdisziplin, Selbstmotivation und Zeitmanagement an Bedeutung. Da die Gestaltung von Telearbeit der weitgehenden Selbststeuerung unterliegt, sollten regelmäßige Unterweisungen in Ergonomie, Arbeitsschutz und Arbeitszeitfragen angeboten werden.


Zusammenarbeit der Sozialpartner, der Unternehmen sowie der betrieblichen Interessenvertretungen zur Förderung von Telearbeit

Die mit der Nutzung neuer Informationstechnologien verbundenen modernen Arbeitsformen können erfolgreich eingeführt werden, wenn sie von beiden Seiten der Sozialpartner akzeptiert und gefördert werden.

 

Die Sozialpartner vereinbaren,

  • zur Begleitung der Einführung von Telearbeit in den Unternehmen der chemischen Industrie eine gemeinsame Arbeitsgruppe einzurichten,
  • zur Vermittlung aktueller Erfahrungen bei der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien in den Unternehmen der chemischen Industrie regelmäßige Fachtagungen durchzuführen sowie
  • auf die Schaffung der Voraussetzungen zur Einführung von Telearbeit auch in klein- und mittelständischen Unternehmen hinzuwirken.


Wiesbaden, 24.08.2000